Ein lockerer Trainingslauf zum Marathonsieg

43. Bienwald-Marathon Kandel

[bei laufticker.de eingestellt am 13. März 2018]

By: Jochen Höschele

Kandel, den 11. März 2018 – Fast glaubte die versammelte Reporterschar, ihren Ohren nicht trauen zu können, konstatierte Marathonsieger Andreas Straßner doch nach absolvierten 42,195km in 2:33:26 h, dass er „nur einen lockeren Trainingslauf“ gemacht habe. Für den 39jährigen Franken im Trikot des ART Düsseldorf, dessen Bestzeit bei 2:18:50 h steht, war der Bienwald-Marathon in der Tat nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein Härtetest auf dem Weg zur Teilnahme an den Deutschen Marathonmeisterschaften am 29.4. in Düsseldorf, wo die Athleten des ART Düsseldorf vor heimischem Publikum versuchen werden, ein Wörtchen um die Vergabe des Mannschaftsmeistertitels mitzureden. Sein erster Start in Kandel dürfte jedoch nicht sein letzter gewesen sein, denn wer den frisch gebackenen Marathonsieger im Ziel erlebte und das Leuchten in seinen Augen sah, als er schwärmerisch von den „langen Geraden“ und dem „schönen Wald“ berichtete und feststellte, dass die Strecke im Bienwald flacher als jene in Berlin oder Frankfurt sei und er es nicht verstehen könne, dass es nur sehr wenige Spitzenläufer nach Kandel verschlägt, musste einfach davon ausgehen, dass Andreas Straßner schon bald wieder einmal die Südpfalz besuchen wird.

Auch Richard Schumacher, seines Zeichens Zweitplatzierter mit nur 20 Sekunden Rückstand auf Straßner, ist der Anziehungskraft der langen Geraden verfallen. Bereits zum dritten Mal lief er durch den Bienwald und war mit sich und seiner Leistung im Reinen. „Dass ich gegen Andreas keine Chance habe, war mir klar. Er ist erst bei 39 vorbeigezogen, aber dranbleiben konnte ich da nicht mehr.“ Mehr gestört haben dürfte den 35jährigen Postangestellten das lästige Gerstenkorn an seinem rechten Auge, und auch die derzeitige berufliche Belastung durch eine Fortbildung in Mannheim macht dem Donzdorfer im Trikot des Sparda Team Rechberghausen mehr zu schaffen, als ihm lieb sein kann.

Rundum zufrieden war der drittplatzierte Kay-Uwe Müller aus Ilshofen, den seit einiger Zeit muskuläre Probleme, hervorgerufen durch einen maladen Ischiasnerv, geplagt hatten. „Ich bin eher vorsichtig und zurückhalten angelaufen und habe in mich reingehört, konnte ja nicht so richtig trainieren in letzter Zeit. Als ich gemerkt habe, dass mir der Oberschenkel und der Ischias heute keinen Strich durch die Rechnung machen, habe ich sogar etwas beschleunigen können und bin jetzt guten Mutes für die weitere Saison.“ Mit 2:38:03 h lag Müller zwei Minuten vor Andreas Sprott und sogar fünf vor dem Pfalzmeister Michael Ohler (TSV 1886 Kandel; 2:43:04 h). Als nächsten Fixpunkt peilt Müller nach dem „Trail du Petit Ballon“, der bereits am kommenden Wochenende stattfindet, den Hamburg-Marathon Ende April an. Dort will er an seine Wiener Bestzeit (2:28 h) angreifen.

Michael Ohler hingegen zieht es nach Griechenland, sein Saisonhöhepunkt wird der mythische Spartathlon von Athen nach Sparta Ende September sein. Dieser Lauf folgt historischen Pfaden, denn angeblich legte ein laufender Bote namens Pheidippides im Jahre 490 v. Chr. Die 246km lange Distanz innerhalb von 36 Stunden zurück, was alljährlich ungefähr 250 bis 300 Läufer aus aller Welt ebenfalls versuchen – gut die Hälfte nur schafft es.

Die Marathonsiegerin Nina Vabic (Run & More) war nach 3:02:41 h zwar knappe drei Minuten langsamer als der Zugläufer David Mild (LG Brandenkopf), mit dem sie zeitweise auf „Kurs unter drei Stunden“ lag, jedoch zeigte sie sich keinesfalls geknickt angesichts der verpassten Schallmauer. „Ich habe im letzten Jahr keinen einzigen Laufwettkampf bestritten, nur zwei „Swim and run“-Wettbewerbe. Mir war es deshalb wichtig, einfach wieder reinzukommen und das Gefühl für einen Laufwettkampf zu entwickeln. Das war richtig gut heute, ich bin total zufrieden und auch die Strecke und die ganze Veranstaltung haben mir sehr gut gefallen. Nach Kandel bin ich gekommen, weil meine Oma im Donnersbergkreis wohnt und ich auch schon viel Gutes über Kandel gehört habe.“ Das alles äußerte sie aber erst, nachdem sie ihren Freund und ihren Hund gebührend geknutscht und gestreichelt hatte. Ihre weiteren Laufpläne für dieses Jahr? „Auf jeden Fall wieder den Marathon am Baldeneysee in Essen, dort bin ich auch 2015 meine Bestzeit von 2:56 h gelaufen und dort gefällt es mir auch sehr gut. Ich mag einfach diese kleineren, familiären Veranstaltungen, dort fühle ich mich viel wohler, als bei den großen Events.“

In 3:13:55 h wurde Judith Wirth (SRL Triathlon Koblenz) Zweite und als Dritte lief die Ukrainerin Nadja Falk-Kumanska knapp dahinter in 3:15:50 h über die Ziellinie im Bienwald-Stadion.

Eine ziemlich eindeutige Angelegenheit war auch der Halbmarathon, den bei den Frauen erstmals die Triathletin Luisa Moroff (Bad+Heizung Mundle / Pro Team Mohrenwirt) in 1:19:48 h für sich entschied. Die 22jährige, die gerade ihr Studium (Public Management) abgeschlossen hat, war zum dritten Mal in Kandel und wollte primär „nur“ ihre persönliche Bestzeit unterbieten. Das gelang ihr eindrucksvoll durch ein gleichmäßiges und kluges Rennen. Sie ließ sich vom hohen Anfangstempo, das Lena Berg (TV Schriesheim / Engelhorn Sports Team) anschlug, nicht beeindrucken. Und das, obwohl Luisa dadurch zeitweilig alleine im Wind laufen musste, während sich Lena in einer Gruppe befand. Doch kurz vor der 10km-Marke, die sie in 37:20 min passierte, wendete sich das Blatt. Bei der Wende betrug Moroffs Vorsprung schon etwa 50 Meter und er wuchs kontinuierlich. „Sicherheitshalber habe ich bei Kilometer elf ein Gel genommen, weil ich in der Vergangenheit des Öfteren einen Einbruch auf dem letzten Streckendrittel aufgrund zu geringer Energiezufuhr erlebt habe“, so Moroff. „Und dann rollte es, mit der Gewissheit einer neuen persönlichen Bestzeit im Rücken und den ganzen Anfeuerungen auf der Wendepunktstrecke, so richtig gut. Das ist das Schöne an Kandel, man kann auf der Strecke viele bekannte Gesichter sehen, wird permanent angefeuert und das ist echt motivierend.“ Dass sie am Kilometer 17 harte Waden bekam und die Schritte etwas schwerer wurden, konnte eine neue Bestzeit genauso wenig gefährden wie den Sieg, über den Interessierte, genau wie über manch anderen Wettkampf und ihre „Vision 2020“ auf Luisas Homepage (luisamoroff.de) noch einmal alles nachlesen können. „Als ich den Stadionsprecher hörte, war ich mir siegessicher. Meine Bestzeit konnte ich um über fünf Minuten verbessern und nicht nur aus diesem Grund war dies sicherlich nicht mein letzter Start in Kandel. Die Veranstaltung ist einfach top organisiert und die positiven Erinnerungen werden mich noch lange begleiten. Ich komme ganz bestimmt wieder.“

Als Zweite kam Lena Berg mit einer Zeit von 1:21:30 h ins Ziel, ehe Tamara Walter (VfL Ostelsheim; 1:24:58 h) das Podium komplettierte.

Bei den Männern war die Angelegenheit ebenso klar wie bei den Frauen, mit dem Unterschied, dass Sebastian Reinwand (ART Düsseldorf) in 1:05:35 h ein Start-Ziel-Sieg glückte. Der Trainer des diesjährigen Marathonsiegers Andreas Straßner war damit nur eine knappe halbe Minute langsamer als bei seiner Bestzeit, die er in Barcelona aufstellte. Hinter Reinwand war es Jonas Lehmann, dem Pfälzer vom TuS 06 Heltersberg und Seriensieger der Winterlaufserie 17/18 in Rheinzabern vorbehalten, den zweiten Platz zu erobern. 1:07:01 h brutto lautete Lehmanns Zeit, mehr als eine Minute schneller als anno 2015 bei seinem Sieg an selber Stätte und dennoch musste er neidlos Reinwands Überlegenheit anerkennen. Dessen Trainingspartner Mitku Seboka (LAC Quelle Fürth) war es, der in 1:07:35 h den dritten Platz erklomm und damit Dustin Karsch (Osnabrücker TB; 1:08:40 h) und Daniel Noll (TSV Glems run2gether; 1:08:53 h) auf die weiteren Plätze verwies.

Das insgesamt hohe Niveau des Halbmarathons zeigt sich schon daran, dass es sechs Frauen und 149 Männern nach Nettozeit gelang, unter 90 Minuten ins Ziel zu kommen. Beeindruckende 1221 Finisher weist die Halbmarathonliste aus, und bemerkenswert, dass der Letzte, Ludwig Hinz (LSG Karlsruhe) mit Jahrgang 1942 bereits in der M75, diesen auch offiziell dokumentiert in 4:23:03 h brutto beenden durfte.

466 Vollender waren es bei der Langdistanz über 42,195km und auch diejenigen, die das (offizielle) Zeitlimit von fünf Stunden teils deutlich überschritten, durften sich noch über das alkoholfreie Bier im Ziel, Obst, Müsli und die Aufnahme in die Ergebnisliste (wenn auch nicht in die erste Version) freuen.

Über viel positive Resonanz konnten sich die Veranstalter um Gesamtleiter Roland Schmidt freuen, der seit 1976 die Geschicke des Bienwald-Marathons lenkt. Sei es die Infrastruktur mit den beiden Hallen und dem Bienwaldstadion, dazu das aufgebaute Zelt mit der Ausgabe der 2018 in blau gehaltenen T-Shirts, den Zugläuferservice, die Gepäckaufbewahrung….es gibt sehr viele Punkte, die beim Bienwald-Marathon schon seit Jahren herausragend sind oder stetig verbessert wurden. Einzig das Zeitlimit von fünf Stunden für den Marathon mutet anachronistisch an, wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, als in Kandel quasi niemand über vier Stunden lief, dafür aber Hunderte von Teilnehmern die 2:30 h-Marke unterboten. Im Grunde haben die Verantwortlichen den (folge)richtigen Schritt ja bereits getan, um die (wachsende) Läuferklientel der Langsameren nicht zu verprellen: Rigoros wird das Zeitlimit nicht umgesetzt, nur sollte man sich überlegen, dies auch offen zu kommunizieren, damit sich auch wieder (mehr) etwas langsamere Läufer in den Bienwald wagen, um dieses „einmalige Lauferlebnis auf langen Geraden“, wie der Marathonsieger schwärmte, selbst genießen zu können.